Ihr könnt ruhig die Straße überqueren

Wirbelwind 1/2016
Text: Kristina Reiss


 

 

„Ihr könnt ruhig die Straße überqueren, Autofahrer halten sich hier an Ampeln“

Deutschland, das war dort, wo die Menschen „alle eher so aussehen wie wir“. Wo die Großeltern wohnen und die Sommer nicht so heiß sind. Kurz: Ein Urlaubsziel, das man einmal im Jahr besucht. Das vertraute Zuhause hingegen war die chinesische Metropole Shanghai: Quirlig, laut, nie schlafend, mit 23 Millionen Einwohnern. Wo die Kindergartenfreunde warteten, der Kater Oscar und wo es die leckersten Dumplings gibt...


Martina, Andreas, Valentina und Marlene aus Köln lebten acht Jahre in Shanghai. Der Vater ist Ingenieur und war von seinem deutschen Arbeitgeber dorthin entsandt worden. Die Mutter ist Psychologin und arbeitete in Shanghai ebenfalls in ihrem Beruf. Die beiden Kinder Valentina und Marlene wurden in Shanghai geboren und besuchten dort den Kindergarten.

Valentina und Marlene, heute 7 und 5 Jahre alt, sind in Shanghai geboren und haben den größten Teil ihres Lebens in China verbracht. Als sie vor eineinhalb Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland zogen, war zunächst vieles neu: Der Kindergarten, in dem es auf einmal Freispiel gab statt straffem Drill und vorgeschriebenem Stundenplan. Die Autos, die bei Grün tatsächlich stoppten. „Ihr könnt ruhig die Straße überqueren“, versicherten die Eltern ihren ungläubigen Töchtern, „Autofahrer halten sich hier an Ampeln“.

Inzwischen sind die Mädchen längst in Köln heimisch geworden und wundern sich nicht mehr über solche Dinge. Dennoch spielt China noch eine große Rolle.

„Wir reden viel über Shanghai“, sagt Martina, „und wir essen alle am liebsten Chinesisch.“ Einmal die Woche besuchen die Kinder eine chinesische Bekannte, um mit ihr Mandarin zu üben. Die Mädchen, die im Gegensatz zu ihren Eltern die schwierige Sprache fließend sprechen, weil sie sie von klein auf im Ohr hatten, sollen diese nicht so schnell verlernen. Vor allem für die Große sind diese Stunden immer ein wenig wie nach Hause kommen – „da bekommt sie ganz leuchtende Augen“, erzählt ihre Mutter.

Acht Jahre im Ausland, noch dazu in einer solch fremden Kultur wie der chinesischen, hinterlassen Spuren. „Nach unserer Rückkehr hatte ich oft das Gefühl, die vielen unausgesprochenen Regeln in Deutschland nicht mehr zu kennen“, sagt Martina. „Auf Bahnfahrten mit den Kindern kam es mir vor, als ob ich sie ständig anhalten müsste, leise zu sein – obwohl sie gar nicht laut waren. Ich hatte das Gefühl, ich müsste die ganze Zeit schauen, nicht aufzufallen. Mir kam alles sehr eng vor – in China hingegen hatte ich mich in vielem freier gefühlt.“ Sie vermisste die Exotik unmittelbar vor der Haustüre, das quirlige Leben und vor allem das vielfältige Essen.

Die größte Lücke zeigte sich jedoch in der Familienkonstellation: Die „Ayi“ fehlte. Solch eine „Tante“, so die wörtliche Übersetzung, gibt es in vielen chinesischen Haushalten: Sie wäscht, putzt, kocht und kümmert sich um die Kinder. Auch Valentina und Marlene wuchsen ganz selbstverständlich mit ihr auf. Für sie war die Ayi vor allem Oma-Ersatz. „Als die Mädchen noch ganz klein waren“, erzählt Martina, „schaute ich mit ihnen einmal ein Weihnachtsbuch an – mit Jesus, Maria und Josef. Eines der Kinder fragte daraufhin irritiert: „Und wo ist die Ayi?“ Für die beiden gehörte sie einfach zur Familie. Mama, Papa – und eben Ayi.“ Zum Abschied gab es viele Tränen; zu den späteren Skype-Verabredungen ebenfalls. Zu sehr war die Ayi fester Bestandteil ihres Lebens geworden.

Manche Gepflogenheiten, die in China üblich sind, übernahm die Familie allerdings trotz achtjährigem Aufenthalt nicht: Geräusche bei Tisch etwa, wie Schmatzen, Rülpsen oder Schlürfen. Diese gelten im Reich der Mitte nicht als anrüchig, sondern sind Ausdruck der Anerkennung für den Koch. Andere Umgangsformen wiederum machte sich die Familie schnell zu eigen – so den sprichwörtlichen Ellenbogeneinsatz im Straßenverkehr: In eintreffende Metros hineindrängen, ohne andere Passagiere zuvor aussteigen zu lassen, etwa. Oder ein Taxi mit vollem Körpereinsatz ergattern, bevor es jemand anderes tut. „Unser Besuch aus Deutschland wunderte sich anfangs immer, wie wir uns aufführten“, meint Martina. „Er verstand dann aber schnell: Ohne Ellenbogen schafft man es hier nicht in öffentliche Verkehrsmittel.“

An Deutschland wiederum schätzt die Familie vor allem die gute Luft: Nicht im Smog sitzen zu müssen, sondern tatsächlich Sonne und blauen Himmel zu sehen. Lebensmittel kaufen zu können, ohne zu befürchten, dass diese vergiftet sind. Für vier Kilometer nicht stundenlang im Stau stehen zu müssen. Karneval wieder mitfeiern zu können. Und nicht zuletzt die Natur: „Wir wohnen mitten in der Stadt, trotzdem sitzen oft Eichhörnchen oder Vögel auf unserem Balkon“, sagt Martina. In Shanghai hingegen gibt es Parks, in denen das Vogelgezwitscher in Ermangelung echter Lebewesen aus Lautsprechern ertönt.

Manche Dinge aber erscheinen der Familie auch eineinhalb Jahre nach der Rückkehr in Deutschland noch seltsam: Baustellen zum Beispiel, die sich ewig hinziehen. So wie die Kölner U-Bahn, an der seit 12 Jahren gebaut wird. Wer in Shanghai gelebt hat, kann dies nicht nachvollziehen. Dort wurde vor einigen Jahren das Streckennetz verdoppelt, statt 800.000 Pendler können nun fünf Millionen Menschen täglich befördert werden. Exakt drei Jahre dauerte es, dann war das neue Liniennetz fertig – ein Zeitraum, in dem es in einer deutschen Stadt noch nicht mal zum ersten Spatenstich gekommen wäre.