Chinas grösste Hotelkette drängt in die Schweiz

Sonntagszeitung, 08.07.12
Text: Kristina Reiss
Foto: Keystone


 

 

Erster Standort von Jin Jiang soll Luzern sein – Vorbild ist Swissôtel

 

Fünf Jahre hat sich Bernold Schroeder Zeit gegeben. Fünf Jahre, in denen der deutsche Hotelmanager aus Chinas grösster Hotelkette Jin Jiang International eine Weltmarke machen will. Bisher sind die Hotels nur im Reich der Mitte bekannt. Vor einem knappen Jahr verpflichtete das chinesische Unternehmen den deutschen Hotelmanager als neuen Vorstandschef – und schrieb Geschichte. Denn Schroeder avancierte zum ersten westlichen Topmanager eines chinesischen Staatsbetriebs.
Der 44-Jährige trägt die Verantwortung für insgesamt 111 Luxushotels in China mit insgesamt 34.000 Betten. Zusammen mit 600 weiteren Standardhäusern ist Jin Jiang in China der Branchenprimus. In Shanghai gehören etwa das berühmte Peace-Hotel am Bund dazu sowie das Waldorf Astoria. Weltweit wird die Gruppe vom Fachmagazin «Hotels» als zwölftgrösste Kette gelistet.

Chinesen soll in der Ferne ein Stück Heimat geboten werden

Schroeder, der zuvor viele Jahre für den thailändischen Tourismuskonzern Banyan Tree in Asien gearbeitet hatte, wurde von der chinesischen Staatsfirma aufgrund seiner Auslandvisionen an Bord geholt: «Die Zeit ist reif für eine internationale Hotelmarke aus China», glaubt der Deutsche. «Wir wollen dabei sein, wenn in den nächsten Jahren mehr und mehr zahlungskräftige Chinesen auf Reisen gehen.» 2011 besuchten über 50 Millionen Chinesen das Ausland; 2020 sollen es bereits über 100 Millionen sein.
Als Vorbild für Jin Jiang schwebt Schroeder der Schweizer Brand Swissôtel vor: So wie Swissness exportiert werde, solle Jin Jiang den chinesischen Reisenden im Ausland ebenfalls ein Stück Heimat bieten – und damit den internationalen Markt aufrollen. «Es geht um den psychologischen Effekt», sagt Schroeder. «Der internationale Tourismus steckt in China noch in den Kinderschuhen, Reisen ist mit Unsicherheiten verknüpft. Deshalb erfahren heimische Produkte in der Ferne sehr viel Sympathie.»

Zu den europäischen Ländern, die für Jin Jiangs Expansionspläne infrage kommen, gehört auch die Schweiz. Hier verzeichneten die Touristiker für 2011 bei den Logiernächten chinesischer Reisender ein Plus von 47 Prozent. «Die Schweiz ist für chinesische Touristen sehr attraktiv und so etwas wie der Prototyp Europas», sagt Schroeder. Als erster Standort für ein neues Hotel hat sich der Manager die Stadt Luzern auf die Liste gesetzt.
Schon heute wird ein Grossteil der Angestellten, die Jin Jiang für seine Häuser in China rekrutiert, nach Schweizer Lehrplan ausgebildet: nämlich auf dem China-Campus der Walliser Hotelfachschule Les Roches in Shanghai, an dem Jin Jiang zu 50 Prozent beteiligt ist.


Mit seinen geplanten Fünfsternhäusern in Europa will Jin Jiang jedoch nicht nur chinesische Touristen ansprechen. Schroeder ist sich im Klaren: Es wird eine Herausforderung, den Spagat zu schaffen zwischen den unterschiedlichen Vorlieben chinesischer und europäischer Touristen.
Geht es nach Wünschen chinesischer Reisender, müssen beliebte Schmuckhändler wie Swarovski und Bucherer in ein Hotelkonzept eingebunden werden. Zudem gelte es, das kulinarische Angebot anzupassen, sowie Angestellte zu rekrutieren, die Chinesisch sprechen. Weil sich Chinesen mit Freunden zudem gerne Zimmer teilen – ohne finanzielle Notwendigkeit, sondern der Geselligkeit wegen –, müsste man auch darauf achten, mehr Zwei- und Mehrbett- statt Doppelzimmer im Angebot zu haben.
Daneben dürfen die Bedürfnisse europäischer Reisender nicht vergessen werden – die in der Regel eher Ruhe statt Rambazamba in der Karaoke-Bar suchen.


Nach einem knappen Jahr im chinesischen Staatsbetrieb weiss Schroeder: «Man braucht einen hohen Energielevel und darf nie lockerlassen», und er ist sich gleichzeitig bewusst: Wenn irgendwo Visionen verwirklicht werden, dann hier. So ist Jin Jiang derzeit am Bau eines neuen Wolkenkratzers in Shanghai beteiligt, dem Shanghai Tower. Bei der Fertigstellung im Jahr 2014 wird der 650 Meter hohe Turm das neue Flagschiff J-Hotel beherbergen, das den Konzern bekannter machen soll. Es befindet sich künftig im höchsten Gebäude Chinas und dem zweithöchsten der Welt. Mit halben Sachen gibt man sich im Reich der Mitte nun mal nicht zufrieden.