Manager lassen sich fit machen fürs Ausland

Tages-Anzeiger, 04.06.09
Text: Kristina Reiss
Karikatur: Felix Schaad


 

 

Essstäbchen richtig halten und immer lächeln: Weiterbildungen in Sachen interkultureller Kompetenz haben Hochkonjunktur.

 

 

Mein Nachbar Erik dachte, er sei welterfahren. Ein Kind der Globalisierung, das bereits in mehreren Kulturen gelebt hatte und sich sowohl in den USA als auch in Japan heimisch fühlte – warum dann nicht auch in China? Doch in Shanghai traute er sich in den ersten Wochen kaum aus dem Haus. Velos, die ihm auf dem Trottoir über den Fuss fuhren, Autos, die ihn vom Zebrastreifen hupten, und Passanten, die ihn vor der Metro aus dem Weg drängten und sich mit ausgefahrenen Ellenbogen an ihm vorbei in das Abteil kämpften. «So was Unzivilisiertes habe ich selten erlebt», schimpfte er. «Die missachten hier doch komplett die Persönlichkeit des Einzelnen!» Am liebsten wäre der Neuankömmling gleich wieder abgereist.

Oft geht der Einsatz schief

Erik ist ein klassischer Expatriat, kurz auch Expat genannt. Einer, der von seinem europäischen Arbeitgeber für ein paar Jahre in die Vereinigten Staaten geschickt wird, dann wieder für eine Zeitlang nach Asien. Im Zuge der Globalisierung und grenzüberschreitenden Aktivitäten entsenden Unternehmen immer häufiger ihre Arbeitnehmer für einen bestimmten Zeitraum ins Ausland, um durch deren Präsenz den Geschäftserfolg im globalen Wettbewerb zu sichern. China und Osteuropa sind momentan die beiden häufigsten Einsatzorte, dicht gefolgt von Indien.
Die Entscheidung für eine Auslandsentsendung fällt oft sehr kurzfristig. Nicht selten findet sich deshalb der Expat innerhalb von wenigen Wochen in einem völligen neuen Kulturkreis wieder. Und ebenso häufig geht dieser Einsatz schief. Tatsächlich, so belegen Studien, beendet jeder dritte Arbeitnehmer seinen Auslandsaufenthalt vorzeitig. Damit verliert das Unternehmen nicht nur viel Geld, sondern im Extremfall auch hochqualifizierte Mitarbeiter.


Um dem vorzubeugen, schicken mittlerweile die meisten Unternehmen ihre Expats in interkulturelle Trainings, in denen sie darauf vorbereitet werden sollen, dass man unter «Mitarbeiterführung» im neuen Gastland etwas ganz anderes versteht und wieso die lokale Haushaltshilfe vielleicht kündigen wird, wenn sie mitbekommt, dass ihr neuer Boss lieber per Velo durch die Stadt fährt – obwohl er sich problemlos ein Auto leisten könnte.
«Interkulturelle Kompetenz» lautet das viel umworbene Stichwort – die Fähigkeit, mit Menschen anderer Kulturkreise erfolgreich zu agieren. Nicht umsonst haben Weiterbildungsangebote Hochkonjunktur, in denen sich etwa Führungskräfte, die im internationalen Umfeld arbeiten, fit machen können, um multikulturell besetzte Teams zu leiten (siehe. Kasten). Oder in denen Mitarbeiter auf eine Auslandsentsendung vorbereitet werden.

Chinesen sind ziemlich direkt

Wer Glück hat, gerät an einen guten Trainer und bekommt nicht nur platte Handlungsanweisungen vorgesetzt, wie etwa «Die Visitenkarte in China immer mit zwei Händen überreichen» oder «Blumen eignen sich nicht als Gastgeschenk – diese bringt man in China nur zur Begräbnissen oder ins Spital mit». Denn viel wichtiger ist es, dahinterliegende Kulturstandards vermittelt zu bekommen und somit Erklärungsansätze zur Hand zu haben, warum im Gastland gewisse Dinge anders laufen. Damit ausgerüstet, sollte es einem möglich sein, lokales Verhalten in Arbeits- und Alltagssituationen richtig zu verstehen, seine eigenen Absichten zu verfolgen und vor allem interkulturelle Konfliktfelder rechtzeitig zu erkennen und mit ihnen konstruktiv umzugehen – was einem selbst jede Menge Frustpotenzial erspart.


So vorbereitet, wird der China-Neuling die wildfremde Frau, die ihn in einem Shanghaier Aufzug unverblümt nach der Höhe seines Gehalts fragt, wohl auch nicht als rüde und unverschämt abstempeln, sondern sich vielmehr bewusst sein, dass diese für westliche Ohren geradezu intime Frage dieselbe Funktion hat wie die im Westen gern verwendete Floskel «Schönes Wetter heute»: eine niederschwellige Form der Kontaktaufnahme, Smalltalk eben.
Was allerdings nicht bedeutet, dass man darauf antworten muss. Lächeln und abrupt das Thema wechseln wäre wohl die Strategie, die Chinesen bei einer für sie unliebsamen Frage einschlagen würden. Und sich ansonsten immer bewusst sein, dass es die Gegenseite auch nicht leichter hat. Oder wie meine chinesische Studenten, die kurz vor einem Auslandsstudium in Deutschland oder der Schweiz standen, immer fragten: «Worüber soll man denn sonst beim ersten Treffen mit jemanden in Europa reden, wenn man nicht fragen darf, ob er verheiratet ist und warum er kein Kind will?»

Chinesen lieben die Kontrolle

Vor allem im Hinblick auf den Arbeitsalltag jedoch ist es unabdingbar, dass sich etwa ein nach China entsandter Europäer vorab mit der für ihn neuen Situation beschäftigt. Ein Projektleiter etwa, der früher in Europa einmal die Woche eine Teamsitzung abhielt und es gewohnt war, dass seine Mitarbeiter sich ansonsten selbstständig ihren Aufgaben widmeten, wird in der Volksrepublik umdenken müssen. Tatsächlich erwarten chinesische Mitarbeiter in der Regel, dass der Chef ihnen detaillierte Handlungsanweisungen gibt, am besten jeden Tag die Ergebnisse kontrolliert und dadurch signalisiert: «Deine Arbeit ist mir wichtig.»


«Ich muss mich meinen chinesischen Mitarbeitern gegenüber eher wie ein Primarschullehrer verhalten», sagt manch altgedienter Veteran aus dem Westen. Was nicht weiter verwunderlich ist – immerhin trimmen Chinas Bildungseinrichtungen ihre Absolventen meist noch immer ausschliesslich auf Auswendiglernen und Prüfungen bestehen. Eigenständiges Arbeiten wird kaum gelehrt, das Schulsystem ist stattdessen auf Nachahmen ausgerichtet. Kurz: Wer hier unbedarft mit seinen europäischen Führungsgewohnheiten reinplatzt, kann fast nur auf die Nase fallen.

Auch das Bekannte wirkt fremd

Erik wiederum wäre nach einer gründlichen Vorbereitung im Vorfeld seiner Entsendung womöglich klar gewesen, dass es im chinesischen Strassenverkehr nicht im Geringsten um seine Persönlichkeit geht (was vielmehr ein typischer westlicher Denkansatz ist). Und dass das auf den Strassen herrschende darwinistische Prinzip «Der Stärkere überlebt» ebenso wenig ein Zeichen von unfreundlichem Verhalten der Chinesen ihm gegenüber ist. Stattdessen handelt es sich lediglich um eine Taktik, um in der Masse zu überleben.


Doch Fallstricke drohen längst nicht nur bei Kulturen, die sich bereits auf den ersten Blick von der eigenen als sehr fremd abheben. Nicht umsonst gibt es interkulturelle Weiterbildungsangebote auch für Länder wie Spanien oder Frankreich. Denn manchmal kann gerade das scheinbar sehr Bekannte unerklärlich fremd wirken. Oder wie jener in vielen Kulturen erfahrene Seminarteilnehmer sagte: «Ich habe mich noch nie so sehr wie von einem anderen Stern gefühlt als in den USA.»