Schweizer Uhren made in China

Aargauer Zeitung, 25.03.08
Text: Kristina Reiss


 

 

Ni hao, Shanghai


«Wir haben ja die gleichen Uhren!», rief einst eine chinesische Bekannte erfreut und streckte mir ihr Handgelenk entgegen, an dem eine Swatch prangte. Nach kurzer Begutachtung meinte sie anerkennend: «Deine ist aber eine gute Fälschung.» Fälschung? Meine ist echt! Ich wüsste jedenfalls nicht, dass im Zürcher Jelmoli Fakes verkauft werden. Aber bis zu jenem Augenblick hatte ich ja auch geglaubt, gefälschte Uhren gäbe es in China nur in der Rolex-Liga. Was ein grosser Irrtum war.
Meine daraufhin angestellte kleine Feldforschung ergab, dass so gut wie alle Marken gefälscht werden. In unterschiedlichen Qualitätsabstufungen, versteht sich. Simple Fälschungen, wie man sie auf der Strasse bekommt und bei denen auch das ungeübte Auge sieht, dass es sich um kein Original handelt, gibt es ab etwa 6 Franken. Für eine wirklichkeitsgetreuere Nachbildung muss man sich in Hinterzimmer und Verschläge führen lassen und zwischen 15 und 25 Franken bezahlen.

Das High-End-Produkt wiederum gibt es im Hotel. 29. Stock, Zimmer 2902. Zaghaft klopfe ich an die Tür. Nichts rührt sich. Ob mir die richtige Adresse zugetragen wurde? Schliesslich streckt eine junge Frau den Kopf raus und schaut mich fragend an. «Uhren?», sage ich mit gedämpfter Stimme, mittlerweile überzeugt, mich in der Nummer geirrt zu haben. Die Frau blickt nach links und rechts, als wollte sie sich vergewissern, dass die Luft rein ist, und zieht mich schnell ins Zimmer. Ein kleiner Junge lässt Spielzeug unterm Doppelbett verschwinden, ein Mann sitzt am Tisch und isst Nudelsuppe. Ein normales Hotelzimmer, von Uhren keine Spur. Wo bin ich bloss gelandet? Was ich genau wolle, fragt die Frau. «Eine Omega», sage ich spontan. Sie bleibt stumm. «Longines?», versuche ich. «Tissot? Breitling? Rolex?» Sie öffnet den Schrank, holt vier grosse Metallkoffer heraus und breitet sie vor mir aus. Da liegen sie, die genannten Marken, fein säuberlich aufgereiht. «Das ist die beste Adresse für gute Fake-Uhren», hatte mir eine deutsche Bekannte gesagt. «Die können fast jedes Modell besorgen. Kostet etwa 50 Franken. Und das Beste: Es gibt sogar Garantie.» Der Mann ist mittlerweile eingeschlafen, der Junge macht Hausaufgaben. Er lernt.

Auf Chinesisch heisst lernen «xue» und ist gleichbedeutend mit «nachmachen». Das drückt sich auch in der Lernmethodik aus. So gehört es zum konfuzianischen Prinzip, dass der junge Mensch versucht, den allwissenden Meister zu kopieren. Alles andere wäre eine Anmassung. Etwas nachzumachen, ist im Chinesischen also nicht negativ besetzt. Im Gegenteil. Der Schweizer Uhrenindustrie bleibt der Trost: In China wird nur das Beste kopiert. Solange dies für die Uhren zutrifft, sind sie vorne mit dabei.