Kinder bekommen auf Chinesisch

Wirbelwind, 02/12
Text: Kristina Reiss
Illustration: Thomas Fahr


 

 

Eine Schwangere in China ist leicht zu erkennen – an ihrer ungewöhnlichen Kleidung. Lange, bevor sich ein Babybauch wölbt, schnallt sich die moderne, urbane Chinesin ein Strahlenschutzhemdchen um. Ärmellose, unförmige Gewänder sind dies, die an Großmutters Küchenschürze erinnern und vor Elektrosmog aller Art schützen sollen. Denn im Reich der Mitte glaubt man, dass die Nähe zu Geräten wie Computern, Handys und Mikrowellen zu Fehlgeburten oder Missbildungen des Babys führen.


Mit 1,3 Milliarden Einwohnern ist China das bevölkerungsreichste Land der Welt. Jeder fünfte Mensch der Erde ist Chinese. Und deren Zahl steigt, obwohl die Regierung das Bevölkerungswachstum seit 30 Jahren mit der so genannten „Ein-Kind-Politik“ beschränkt. Diese limitiert die meisten städtischen Paare auf ein Kind, die meisten ländlichen auf zwei Kinder. Dennoch wächst nur jedes fünfte Kind als Einzelkind auf – trotz strenger Gesetze und Strafen. Die meisten Menschen schlüpfen durch die Maschen des Netzes: Entweder weil sie unter die Ausnahmeregeln fallen, wie sie für Minderheitenvölker gelten und für Bauern, deren erstes Kind ein Mädchen ist. Oder weil sie zum Heer der mehr als 100 Millionen nicht erfassten Wanderarbeiter zählen. Andere zahlen die Strafen ohne mit der Wimper zu zucken. In den Städten wiederum wollen die meisten sowieso nicht mehr als ein Kind – zu hoch sind die Kosten für Schulgeld und Extraunterricht.

Keine kalten Speisen in der Schwangerschaft: Das Ungeborene könnte erschrecken

Die meist einmalige Schwangerschaft wird deshalb entsprechend zelebriert. So ist der Status einer werdenden Mutter ab dem ersten Tag vergleichbar mit dem einer Schwerkranken: So wenig Bewegung wie möglich, schreibt die Traditionelle Chinesische Medizin vor. Und bloß keine kühlenden Yin-Speisen wie etwa Krabbenfleisch, Tomaten oder Bananen. „Iss niemals kalte Lebensmittel wie Eiscreme“, raten Einheimische, denn durch die Kälte könnte das Ungeborene im Mutterleib erschrecken, wenn nicht gar erfrieren.
Der schwangeren Ausländerin, die weiterhin im chaotischen Straßenverkehr mit dem Fahrrad unterwegs ist, begegnen chinesische Bekannte mit Fassungslosigkeit. „So viel Bewegung ist schlecht fürs Kind!“, rufen Wildfremde an Kreuzungen hinterher, und die benachbarte Obsthändlerin hält ihr wütende Standpauken. Immerhin: Seit diese weiß, dass die Ausländerin ein Mädchen erwartet, ist sie etwas gnädiger und wird nicht müde zu beteuern: „Mach dir nichts draus! Du bist Ausländerin und kannst noch viele Kinder kriegen.“

Sorge vor Abtreibungen von Mädchen: Ultraschall zur Geschlechtserkennung ist verboten

Tatsächlich zählen in China auch heute noch Jungen mehr als Mädchen. Nicht umsonst ist der Ultraschall zur Geschlechtserkennung verboten – aus der Erfahrung, dass sehr viele Mädchen sonst abgetrieben werden. Deshalb wissen chinesische Eltern vor der Geburt in der Regel nicht das Geschlecht ihres Nachwuchses – es sei denn, sie haben Schmiergeld bezahlt.
Bei der Geburt wird nichts dem Zufall überlassen. Natürliches Gebären gilt als rückständig: Die urbane Chinesin bringt ihr Kind am liebsten per Kaiserschnitt zur Welt. Das Land weist mit über 50 Prozent die höchste Rate der Welt auf. In den Städten dürfte sie sogar noch höher sein. Was auch daran liegt, dass sich so die Geburtsdaten des Kindes besser beeinflussen lassen. So ist es sehr beliebt, sich den Kaiserschnitttermin für einen Glück versprechenden Tag zu reservieren. Vor allem Daten mit der Acht sind gefragt, verheißt diese Zahl in China doch Wohlstand.

Zuhause bleiben und sich nicht waschen: Die junge Mutter soll sich schonen

Kommt das Kleine endlich auf die Welt, ist es bereits ein Jahr alt – denn die Monate im Mutterleib werden großzügig hinzugezählt. Die junge Mutter wiederum darf die ersten vier Wochen nach der Geburt das Haus nicht verlassen. Und sich vor allem auch nicht waschen. Die Geschwächte, so die Erklärung, muss in dieser Zeit auf ihre Gesundheit achten und sich vor Zugluft in Acht nehmen. Der Ursprung dieses Brauchs stammt wohl aus Zeiten, als die Lebensbedingungen schwieriger waren. Doch auch heute folgen noch viele junge Chinesinnen dem Ritus.
Die Tradition will es außerdem, dass Neugeborene die ersten drei Monate ihres Lebens im Haus bleiben. Auch Besuch erscheint erst nach Ablauf dieser Frist. Wie ernst dieser Brauch genommen wird, erleben Ausländer, die sich mit ihrem wenige Tage alten Baby auf die Straße wagen: Beim Anblick des Säuglings bilden sich entweder neugierige Menschentrauben, die fasziniert in den Wagen starren, weil sie noch nie so ein kleines Kind gesehen haben. Oder Passanten rennen erschrocken davon – nicht ohne den verdutzten Eltern einzuschärfen, um Himmels Willen den Winzling wieder ins Haus zu bringen.

Stillen gilt als antiquiert: „Das machen nur noch Bäuerinnen“

Aufmerksamkeit erregt die Ausländerin auch beim Stillen. Denn urbane Chinesinnen lehnen dies als antiquiertes Relikt ab. „So was machen nur Bäuerinnen auf dem Land“, entfuhr es einer chinesischen Bekannten. Wer es sich leisten kann, greift lieber zum Milchpulver. Plastikwindeln sind erst seit wenigen Jahren in Gebrauch, zumindest in den Städten. Auf dem Land dominieren nach wie vor jene Kleinkindhosen mit großem Schlitz im Schritt – was teure Windeln erspart und chinesische Kinder wohl dazu anhält, sehr früh sauber zu sein. Kinderwagen sind ebenfalls erst langsam im Kommen, der Nachwuchs wurde bisher lieber getragen. Vor allem Großmütter tun sich da hervor. Sie sind es auch, die bereits vor der Geburt bei den künftigen Eltern einziehen und das Zepter über Wochenbett und Kindeserziehung übernehmen – damit die Mutter schnell wieder zurück in den Job kann.

Die Großmutter erzieht, die Eltern arbeiten, um Frühförderung und Ausbildung bezahlen zu können

Was im Westen die meisten Großmütter mit dem Hinweis auf eigene Bedürfnisse kategorisch ablehnen würden, ist in China Alltag: Zu 90 Prozent ziehen hier Großeltern die Enkel auf. In den Städten lebt die ganze Familie für das Kind. Das Einzige! Das es dank Bildung einmal besser haben soll! Schon die Jüngsten werden in unzählige Extralektionen geschickt. Dreijährige pauken die Zahlen bis 200 in Englisch und Chinesisch, üben Mathematik und chinesische Schriftzeichen.
Shanghaier Eltern, so eine Studie, geben in China am meisten für den Zusatzunterricht ihrer Kinder aus. Sogar Familien mit einem Monatseinkommen von weniger als umgerechnet 200 Euro stecken zehn Prozent ihres Gehaltes in Extrakurse für den Nachwuchs. Diese sind jedoch nicht nur teuer, sondern üben auf die Kinder auch großen Druck aus. „Meine Tochter hat keine Wochenenden oder Ferien“, zitiert die Studie den Vater einer 15-Jährigen.

Der Babylebenslauf des Kleinen ist ausführlicher als der des Vaters

In Chinas Metropolen haben sogar die Kleinsten oft Lebensläufe, in denen Zeugnisse aufgeführt sind wie „Kinder Englischtest Stufe 1“ oder „Klavierspiel-Test Stufe 2“. Manchmal steht dort auch „Sie kann bereits 1000 Schriftzeichen erkennen“. Allerdings sind diese Babylebensläufe sehr umstritten. „Ich war erstaunt, dass die Vita meines Sohnes ausführlicher ist als meine“, zitierte jüngst die Zeitung „Shanghai Daily“ einen Vater. Und die Mutter eines fünfjährigen Mädchens klagte über den unglaublichen Druck, der auf Kinder ausgeübt werde. „Wir haben keine Wahl“, sagen die Eltern jedoch unisono. „Alle machen das, da muss man mitziehen. Man kann sein Kind ja nicht an der Startlinie verlieren lassen.“

Erst Narrenfreiheit, dann ungeheurer Konkurrenzdruck

Vermutlich sind in einem chinesischen Kinderleben die ersten drei Jahre die glücklichsten. Dann unterliegen die Kleinen meist noch keinem Lern- und Zeitplan und werden nach allen Regeln der Kunst verhätschelt. Mit einem Kleinkind wird im Reich der Mitte nämlich sehr nachsichtig umgegangen. Es genießt fast völlige Narrenfreiheit, Erziehungsmaßnahmen kommen kaum zum Einsatz. Dafür lautet das Mantra ab Kindergartenalter dann unmissverständlich: „Du musst gewinnen“. Schließlich ist die Konkurrenz im 1,3 Milliarden Volk riesig.

Sie beherrschen schon vor der Schule viele Schriftzeichen, können aber nicht selbstständig essen

Pädagogen beklagen allerdings noch eine andere Entwicklung: Vor lauter examensorientierter Erziehung sind Chinas Kinder unselbstständig geworden. Oft lernen sie die einfachsten Sachen nicht oder erst sehr spät. So berichten Lehrer von Grundschülern, die zwar schon vor dem Schuleintritt viele Schriftzeichen schreiben und rechnen können, sich aber nicht die Schuhe binden, geschweige denn selbstständig Essen können. Viele haben außerdem Schwierigkeiten, Konflikte mit anderen zu lösen. Auch das selbstständige Spielen fällt ihnen oft schwer – sie haben es schlicht nie gelernt.