Warum so empfindlich

Wir Eltern 10/2015
Text: Kristina Reiss
Bild: suze / photocase.com


 

 

In der Migros, im Tram, auf dem Spielplatz: Überall mischen sich Aussenstehende in die Erziehung der Kinder ein. Das nervt! Autorin Kristina Reiss geht der Frage nach, weshalb sich Eltern selbst von Freunden und Verwandten jegliche Ratschläge verbitten.


Morgens kurz vor halb acht, leichter Nieselregen und mal wieder zu spät dran, weil die Grosse nur mühsam zu überreden war, bei den einstelligen Temperaturen keine Sandalen anzuziehen. Jetzt schnell den Kleinen in den Buggy verfrachten und ab ins Büro, der erste Termin steht gleich an – nein, halt, natürlich zuerst in die Kita. Doch der Eineinhalbjährige will partout nicht. Nicht in den Buggy. Lieber in die Pfützen springen und Regenwürmer sammeln. Und stimmt deshalb ein Gebrüll sondergleichen an. Da beugt sich ein freundlicher Herr zu ihm hinunter und sagt: «Na, du möchtest wohl lieber selber laufen, was? Recht hast du! Vielleicht hat deine Mama ja ein Einsehen.» Nein, hat sie nicht. Sie beisst die Zähne zusammen, ringt sich ein schiefes Lächeln ab und schiebt weiter. Bis zur nächsten Kreuzung hat sich der Kleine zum Glück beruhigt. Doch nun fällt der Grossen ein, dass sie ihr Lieblingsglitzerhaargummi vergessen hat: «Nein, du, wir haben wirklich keine Zeit, zurückzugehen.» Gebrüll Nummer zwei, nicht weniger laut. Diesmal ist es eine ältere Dame, die sich kopfschüttelnd äussert: «So ein Geschrei dürfen Sie nicht durchgehen lassen.» Vor Erstaunen verstummt die Grosse – stattdessen überlegt die Mutter für den Bruchteil einer Sekunde, es ihren Kindern gleichzutun.
Sind wir dünnhäutig geworden? Früher wurden Kinder doch auch vom gesamten Dorf miterzogen und keiner regte sich auf. Heute aber sind wir kurz vorm Schreikrampf, wenn Freunde, Verwandte oder Wildfremde ihre Meinung kundtun – und dies tun sie gern und häufig. Dies stellt auch Generationenforscher François Höpflinger fest: «Heute gibt es zwar immer weniger Kinder, aber man mischt sich viel häufiger ein», sagt der Soziologe. Situationen, in denen das Miterziehen anderer unangebracht ist, ja nervt, gibt es zuhauf. Denn die Kleinen, so will es unsere Umwelt, sollen möglichst leise sein, nicht wild toben, und am besten gar nicht erst auffallen.
Hinzu kommt: Kinder und Erziehung sind Fachgebiete, in denen sich viele Menschen – ob selbst Eltern oder nicht – als kompetent betrachten. Und dieses Wissen geben sie gern ungefragt weiter. Der deutsche Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff, der durch Bücher mit Titeln wie «Warum unsere Kinder Tyrannen werden» bekannt wurde, spricht deshalb auch von einem «generellen Besserwissertum», das sich durch sämtliche Bereiche ziehe: «Es gehört heute zum Zeitgeist, immer und überall dreinzureden.»

Zwar setzen sich Eltern durchaus mit Erziehungsfragen auseinander. Anders liesse sich nicht erklären, warum die Erziehungsratgeber die Regale in den Buchhandlungen meterweise füllen. Doch am Sandkastenrand oder beim Kaffee werden nur wertneutrale Tipps ausgetauscht: Wie das Kind vom Nuggi entwöhnen, oder wie die Beikost einführen zum Beispiel. Über Erziehungsstile diskutieren selbst beste Freundinnen kaum. Und wenn das Verhalten des eigenen Kindes infrage gestellt wird, lässt das manche Mutter und manchen Vater sauer werden. Erdreistet sich etwa auf dem Spielplatz ein Nichterziehungsberechtigter dem Kind an der Rutschbahn zu sagen, es habe sich bei den drei anderen Wartenden vorgedrängelt, ist in der Regel blitzschnell dessen Mutter oder Vater zur Stelle – um das eigene Kind in Schutz zu nehmen, ganz egal, wie die Sachlage tatsächlich ist. Eltern betrachten ihre alleinige Hoheit über ihre Kinder heutzutage als unverhandelbar.
Wird diese Hoheit missachtet, kann dies sogar langjährige Freundschaften in Schwierigkeiten bringen. Oder anders gesagt: Den Erziehungsstil einer Freundin auch nur im Ansatz infrage zu stellen, ist etwa gleich heikel, wie sich kritisch über deren Partner zu äussern. Selbst sinnvolle Hinweise im Bekanntenkreis werden da oft als unerhörtes Einmischen empfunden. Geht es also nicht bloss um «technische» Fragen wie das Abgewöhnen des Nuggis, und ist das eigene Kind vom Ratschlag betroffen, gilt dies sofort als Eingriff in die Privatsphäre.

Die Freundin etwa vorsichtig zu fragen, weshalb sie bei ihrem Vierjährigen immer noch an einer über zweistündigen Einschlafbegleitung festhält, kommt einem Angriff gleich. Der Beschützerinstinkt der Mutter wird aktiviert; ihre Abwehr richtet sich sofort gegen die sich einmischende Person.
Was nicht weiter verwunderlich ist, wenn man sich vor Augen führt, dass für viele
Eltern das Kind heute ein persönliches Projekt darstellt, das mit klaren Vorgaben zum Erfolg geführt werden muss. Die Marschrichtung wird dabei von den beiden Projektbeauftragten vorgegeben. So übergeben manche Eltern an Erzieherinnen regelrechte Handbücher, in denen minutiös aufgelistet ist, was die Vorlieben des Nachwuchses sind und wie es darauf zu reagieren gilt.
Kinderpsychiater Winterhoff macht allerdings noch einen weiteren Grund dafür verantwortlich, weshalb sich mit vielen Eltern nur schwer über deren Nachwuchs diskutieren lässt: «Sie befinden sich in einer Symbiose mit ihrem Kind.» Statt es als eigenständiges Wesen zu betrachten, nehmen Eltern ihr Kind als Teil von sich selbst wahr – was zu einer Beziehungsverschiebung führt. Besagte Symbiose wiederum sei eine unbewusste Kompensation: «Wir leben in einer digitalen Zeit», so Winterhoff, seien ständig erreichbar auf allen Kanälen, doch ein übergeordneter, positiver Sinn fehle. Auch Sicherheit und Anerkennung gäbe es immer weniger. Deshalb werde das Glück im Kind gesucht. «Betrachten wir den Nachwuchs aber als Teil unserer selbst, verlieren wir jegliche Distanz – was es wiederum schwer macht, kritisches Feedback entgegenzunehmen.»

Auch die Kommunikation zwischen Eltern und Lehrern sei deshalb oft problematisch. Denn lasse der Lehrer das Kind nachsitzen oder verhänge eine Strafarbeit, fühlten sich Eltern davon persönlich angegriffen. Und gingen im Ernstfall gegen die Schule vor. «Deshalb umgehen Lehrer heute sehr oft Sanktionen», so Winterhoff. «Stattdessen versuchen sie, den permanent drohenden Konfrontationen mit den Eltern auszuweichen – was wiederum ein Absinken des schulischen Niveaus zur Folge hat.»
Da hilft nur eines: sich locker machen. Bei unqualifizierten Bemerkungen von Unbekannten Ohren auf Durchzug stellen und das Ganze mit einem Lächeln quittieren. Bei Freunden hingegen, die uns und unsere Macken gut kennen, vielleicht doch einmal mehr hinhören. Denn Feedback schadet selten. Bisweilen kann das Kind mit Input von aussen nämlich sogar mehr anfangen als mit jenem der Eltern. Und realisiert: Vordrängeln an der Rutschbahn ist doof.


Knigge für den Umgang mit anderen Eltern

Sie wollen mit anderen Eltern über deren Nachwuchs diskutieren oder gar Kritik üben? Machen Sie Ihr Vorgehen von der jeweiligen Situation abhängig beziehungsweise von Ihrer Beziehung zu den Eltern.

1 Unbekannte
Sie kennen die betreffenden Eltern nicht und es ist Ihnen auch egal, was diese von Ihnen denken: Verfahren Sie, wie Sie möchten – ohne Rücksicht auf Verluste. Die folgenden Punkte brauchen Sie nicht mehr zu lesen.

2 Freunde
Sie sind befreundet oder möchten zumindest, dass Ihre Einwände nicht komplett an Ihrem Gegenüber abprallen? Tasten Sie sich vorsichtig ran und erzählen Sie erst mal von Ihren eigenen Erziehungsschwierigkeiten, bevor Sie ungefragt Ratschläge erteilen. Sind Sie hingegen eher auf Konfrontation gebürstet, ist eine Formulierung wie «Du musst das so machen!» ein sicherer Garant für explosive Diskussionen.

3 In der Öffentlichkeit
Besonders heikel ist das Einmischen in der Öffentlichkeit, wie etwa im Supermarkt. Denn die Stresssituation, in der sich der betreffende Elternteil befindet, ist vergleichbar mit einer Rede halten vor Publikum. Entsprechend hoch dürfte die Anspannung sein (und klein die Gelassenheit in punkto Einwänden).

4 Ansprechperson auswählen
Lieber die Mutter oder den Vater mit Ihren Bedenken konfrontieren? Auch hier ist entscheidend, welches Ziel Sie verfolgen. Väter reagieren manchmal etwas gelassener und distanzierter auf Kritik, während sich Mütter häufiger angegriffen fühlen. Das mag daran liegen, dass sich Mütter oft mehr mit ihrer Rolle als Erzieher identifizieren und daraus einen grossen Teil ihres Selbstwertgefühls ziehen. Kritikäusserung kommt einem Stich ins Wespennest gleich: Die Person, die sich einmischt, muss sich auf heftige Abwehr gefasst machen.