Manche Kinder fordern ihre Eltern von Anfang an heraus

Wir Eltern 3/2017
Interview: Kristina Reiss
Bild: photocase/vanda lay


 

 

Mütter und Väter prägen mit ihrem Erziehungsstil und ihren Vorstellungen ihr Kind. Doch umgekehrt prägen auch Kinder ihre Eltern: Das Temperament unseres Nachwuchses beeinflusst unseren Erziehungsstil, sagt Entwicklungspsychologin Stefanie Jaursch. Aber wer formt wen wie stark?

wir eltern: Frau Jaursch, wie kommt es, dass Eltern und sogar Psychologen oft immer noch glauben, Kinder seien vor allem ein Produkt ihrer Erziehung?
Stefanie Jaursch: Zum einen weil wir Eltern das gerne glauben möchten. Schliesslich wollen wir uns die Kompetenz nicht absprechen lassen, um nicht machtlos zu erscheinen. Andererseits haben Eltern tatsächlich Einfluss. Es ist schlicht ein Wechselspiel: Das Kind bringt vieles mit, Vater und Mutter aber ebenfalls.

Selbstbewusste oder fordernde Kinder erziehen wir anders als empfindsame oder nachgiebige. Der Charakter unseres Kindes beeinflusst also unseren Erziehungsstil – richtig oder falsch?
Das ist goldrichtig. Wie gesagt: Kinder bringen viel mit. Allein die Geburtserfahrung prägt. So gehen Eltern mit einem Frühchen ganz anders um als mit einem reif geborenen Kind. Doch auch Mutter und Vater sind geprägt: Durch ihre genetischen Anlagen einerseits und durch ihre eigene Kindheit und den damals herrschenden Erziehungsstil andererseits. Letzterer wird nämlich über Generationen weitergegeben. Natürlich erziehen wir heute sehr viel liberaler, als dies noch unsere Eltern oder Grosseltern taten. Aber die Tendenz bleibt: Wer eher autoritär erzogen wurde, kann diese Erfahrung nicht einfach abschütteln. Er wird vielleicht nicht körperlich strafen, aber zur Strenge tendieren.

Wer formt nun wen wie stark?
Ich habe befürchtet, dass Sie das fragen. Pauschal lässt sich dies leider nicht beantworten, vielmehr kommt es auf die abhängige Variable an. Manches wird von der Umwelt beeinflusst, manches von der Genetik – so wie Intelligenz zum Beispiel. Dies bringt ein Kind mit. Trotzdem muss und soll man seinen Nachwuchs fördern und kann sich als Eltern nicht einfach zurücklehnen, wenn Probleme auftauchen. Gerade bei der Modediagnose ADHS machen es sich Eltern zu einfach, wenn sie sagen: «Das ist genetisch, dagegen kann man nichts tun.» Falsch! Tatsächlichkommt es sehr darauf an, wie Eltern reagieren, und zwar vom ersten Tag an. Zwar ist ADHS genetisch angelegt, so wie auch Alkoholismus, zum Teil Depressionen oder der Umgang mit Stress. Doch damit diese Dinge zum Tragen kommen, braucht es bestimmte Reize aus der Umwelt – und dagegen lässt sich was tun.

Erziehen Kinder also auch ihre Eltern?
Wie gesagt, das ist ein Wechselspiel. Manche Kinder haben sehr gute Startbedingungen, schlafen und essen vom ersten Tag an gut und machen es ihren Eltern leicht. Andere hingegen fordern Mutter und Vater von Anfang an heraus. Das kann beim ersten Kind ganz anders sein als beim zweiten oder dritten. War man früher der Auffassung, alle Kinder müssten gleich behandelt werden, wissen wir heute: Nein, müssen sie nicht. Im Gegenteil: Kinder fordern diesen unterschiedlichen Umgang mit ihnen geradezu ein, schliesslich ist jedes anders.

Können Eltern von ihrem Kind lernen, was es braucht?
Wenn es gut läuft, ja. Heute gibt es allerdings die weit verbreitete Auffassung, man könne ein Kind von der ersten Sekunde an lesen und verstehen. Diesen Anspruch finde ich sehr schwierig und zum Teil auch übertrieben. Tatsächlich werden wir da blind reingeschmissen und müssen erst lernen, unser Kind zu verstehen. Die meisten Eltern wachsen langsam rein.

Was tun, wenn Eltern das Gefühl haben, der Nachwuchs beeinflusse ihr Erziehungsverhalten ungünstig und sie beispielsweise strenger sind als gewollt?
Das frustriert Eltern natürlich enorm. Schliesslich haben sie ein Selbstbild von sich. Stimmt dieses nicht mit der Realität überein, kann das deprimieren. Generell sind Eltern unzufrieden, wenn sie an ihre Grenze kommen. Oder Dinge tun, die sie vermeiden wollten. Im Extremfall sollten sie sich deshalb nicht scheuen, Hilfe zu holen.

Dass Vater und Mutter sich plötzlich die Sprüche ihrer eigenen Eltern sagen hören, von denen sie sich geschworen hatten, diese nie beim eigenen Nachwuchs anzubringen, kommt allerdings häufig vor.
Das ist völlig normal, aus dieser Rolle kommen wir nicht raus. Wie sehr uns die eigene Kindheit prägt, merken wir spätestens, wenn wir auf unseren Partner treffen, mit dem wir gemeinsam Kinder erziehen: Schliesslich wuchs dieser ganz anders auf, denn kein Stil gleicht dem anderen. Ständig neue Anpassungen sind daher nötig. Deshalb nützt es wenig, während der Schwangerschaft ganz viele Ratgeber zu lesen und sich genau auszumalen, wie man als Eltern sein möchte. Am Ende müssen wir erkennen: Wir sind kein unbeschriebenes Blatt, auch wenn wir uns noch so viel vornehmen.

In welchen Situationen werden Eltern klassischerweise von ihrer Vergangenheit eingeholt?
Kindliche Prägungen in Form des erlebten Erziehungsstils zeigen sich oft in herausfordernden Situationen. Und vor allem im Kleinen: Wie wurde miteinander gespielt? Wie miteinander umgegangen? Geht man als Eltern einen Schritt zurück und überlegt, «Wie war das bei mir damals?», kann dies sehr erhellend sein für die Erziehung seiner eigenen Kinder. Aber dafür bleibt im Alltag meist keine Zeit. Dagegen sind Weihnachten oder Ferien oft recht aufschlussreich, wie ich selbst erlebt habe.

Wie meinen Sie das?
Als wir mit der Schwester meines Mannes und ihrer Familie im Urlaub waren, wurde mir nach 20 Jahren Beziehung auf einmal klar, weshalb mein Mann und ich jeden Abend dieselbe Diskussion um die Schlafenszeiten unserer Kinder führen. Denn seine Schwester beharrte ebenso auf der Einhaltung klarer Bettgehzeiten, wie es mein Mann immer vertritt. Und ich merkte: «Ach, so tief sitzt das!» In meiner Familie wurde das damals viel lockerer gesehen. Kurz: Bei der Erziehung trifft alles aufeinander. Vater, Mutter, Kinder mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen, Charakteren und genetischen Anlagen müssen sich ständig gegenseitig anpassen.

Stefanie Jaursch (1974)
ist Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Passau. Sie beschäftigt sich schwerpunktmässig mit der Prävention von Verhaltensauffälligkeiten im familiären sowie im schulischen Kontext und hat zwei Kinder im Alter von drei und acht Jahren.