Heute schon verwöhnt?

Wir Eltern 04/2013
Text: Kristina Reiss
Fotos: Plainpicture


 

 

Die Kunst, nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel für seine Kinder da zu sein. Oder: Wo verläuft die Grenze zwischen liebevoller Zuwendung und ungutem Verhätscheln?

 

Eine kleine Umfrage unter Eltern: «Hast du den Eindruck, du verwöhnst dein Kind?» – «Ich? Nein!», sagt die Freundin halb belustigt, halb entrüstet. «Höchstens wenn die Kleine krank ist oder so.» «Sicher nicht!» ist auch der Kollege von sich überzeugt. «Unsere Kinder kriegen schliesslich nicht immer das, was sie sich gerade in den Kopf gesetzt haben.» «Ja», sagt hingegen eine langjährige Erzieherin, die seit fünfzehn Jahren mit Kindergartenkindern arbeitet und selbst zweifache Mutter ist. «Die Kleinen sind heute viel verwöhnter. Oder anders gesagt: Eltern trauen ihnen weniger zu. Beim Spazieren sind Fünfjährige schon nach wenigen Schritten k. o., weil sie das Laufen nicht mehr gewohnt sind. Einige bringen tatsächlich den Schnuller mit in den Kindergarten – was vor zehn Jahren undenkbar gewesen wäre. Sogar sich selbst die Jacke anziehen, schaffen viele nicht.»

Ich mach das für dich

Sprachgeschichtlich kommt «Verwöhnen» vom mittelalterlichen Wort «verwenen», was bedeutet: in übler Weise an etwas gewöhnen. Bezogen auf Kinder ist damit meist ein Verhätscheln gemeint, was zur Verweichlichung führt. So würde sich zumindest Albert Wunsch ausdrücken. Der Erziehungswissenschaftler ist im deutschsprachigen Raum so etwas wie der Anti-Verwöhn-Papst (siehe Interview). «Ist es immer liebevoll, wenn Eltern beim kleinsten Mucks ein Kind hoch nehmen?», fragt er. «Ist es fürsorglich, einem Jugendlichen den Start durch den Tag durch Bereitlegen aller wichtigen Sachen zu erleichtern, weil sonst Wichtiges vergessen gehen könnte?» Verwöhnen, das ist seiner Meinung nach eine Mischung aus falschem Helfen, fehlender Herausforderung und ausbleibender Begrenzung – oft eingeleitet von der Grundhaltung «ich mach das für dich». Wenn etwa die Mutter ihrem 3-Jährigen die Mütze aufsetzt, anstatt ihm zu zeigen, wie er es selbst machen könnte. Oder wenn der Vater die vermeintlich zu schweren Matheaufgaben für seine Tochter erledigt, anstatt ihre Eigenkräfte zu aktivieren, sodass sie die Situation selbst lösen könnte. Oder die telefonierende Mutter, die das störende Kind nur halbherzig zurechtweist, anstatt eine klipp und klare Ansage zu machen.


Wer also häufig für sein Kind handelt, es zu lange füttert, anzieht, ihm die Spielutensilien wegräumt, bei Konflikten sofort Partei für das eigene Kind ergreift, der schützt seinen Nachwuchs nicht, sondern macht ihn schutzlos. Denn Verwöhnung beginnt, wo die Herausforderung ausbleibt und verhindert Interesse, Neugier, Ausdauer und Zielstrebigkeit. Oder wie es Albert Wunsch formuliert: «Die Verwöhnung ist das Schlimmste, was einem Kind angetan werden kann. Sie ist ein Verbrechen, weil die Kraft und der Lebensmut des Kindes gebrochen werden.»
Wo aber verläuft die Grenze zwischen liebevoller Zuwendung und ungutem Verhätscheln? Wann gebe ich Geborgenheit und Sicherheit? Und wann werden meine Ängste, wird meine Liebe erdrückend?


Für Guy Bodenmann, Professor am Psychologischen Institut der Uni Zürich mit Schwerpunkt Kinder/Jugendliche und Paare/Familien, ist in diesem Zusammenhang wichtig, wie viel Grenzen und Struktur Eltern geben. Dazu gehört ein konsistentes Erziehungsverhalten: Wird eine Regel aufgestellt, muss sie eingehalten werden. In seiner Beratungstätigkeit erlebt der Psychologe oft, dass Eltern gegenüber ihrem Kind nicht konsequent sind – dass etwa ein an Bedingungen geknüpftes Snowboard unabhängig von deren Einhaltung geschenkt wird. «Dies ist ebenfalls eine Form der Verwöhnung», so Bodenmann. Schon im Säuglingsalter machten Kinder ihre ersten Kausalitätserfahrungen, lernten: «Wenn ich weine, kümmert sich jemand um mich.» Diese elementare Kontingenzerfahrung, «Ich habe Einfluss auf die Umwelt», sei enorm wichtig für die Ausbildung des Selbstbewusstseins, so der Psychologe. Einem verwöhnten Kind fehle jedoch diese Erfahrung; wenn es etwas bekomme, ohne die Bedingungen dafür erfüllt zu haben, erlebe es Konsequenzen als von seinem Verhalten unabhängig. Oft entwickelten diese Kinder später psychische Auffälligkeiten.


Wichtig findet Bodenmann auch, dass Eltern lernen, die tatsächlichen Bedürfnisse ihres Kindes wahrzunehmen – zu erkennen: «Was braucht es wirklich?» – und darauf angemessen zu reagieren. Vielleicht will das Baby gerade gar nicht rumgetragen werden, sondern endlich in Ruhe in seinem Bett einschlafen dürfen, und weint deshalb.

Elterliche Bequemlichkeit

Tatsächlich spielt beim Verwöhnen die eigene elterliche Bequemlichkeit eine nicht zu unterschätzende Rolle: Wenn sich die Fünfjährige morgens weigert, sich anzuziehen, obwohl sie es alleine könnte, liegt es einfach nahe, dass man als Elternteil schnell selbst zur Tat schreitet – und damit den Weg des geringsten Widerstands wählt, um endlose Diskussionen und Verspätungen in Kindergarten und Job zu vermeiden. Ist das aber dann schon verwöhnen? Ja, würde die eingangs erwähnte Erzieherin sagen. Auf jeden Fall, fände Albert Wunsch.


Besonders gerne und im klassischen Sinne werden Kinder von Grosseltern verwöhnt. Ausserdem nach akuten Krankheiten oder bei starken Konflikten in der Familie oder im sozialen Umfeld. Auch in Situationen, wenn sich Eltern von ihrer besten Seite zeigen wollen, sich kritisch beobachtet oder unter Zeitdruck fühlen. Kurz: Immer dann, wenn eine Situation als druckvoll erlebt wird, neigen wir dazu, uns diesen unangenehmen Anforderungen zu entziehen.

Es fällt schwer, Nein zu sagen

Die zu Anfang nach ihren Verwöhngewohnheiten befragten Eltern kommen ins Grübeln: «Dies alles ist schon verwöhnen?» Bei einem Spielplatzbesuch sticht einem plötzlich vieles ins Auge: Eltern überbieten sich geradezu mit ihren Ängsten: «Pass auf!» – «Nicht so hoch!» – «Nicht so schnell!». Eilen rasch mit den passenden Globuli aus der stets mitgeführten Kinderapotheke herbei, sobald sich der Junior ein wenig am Klettergerüst gestossen hat. Und stehen selbstverständlich selbst für kurze Spielplatzbesuche mit einem ansehnlichen Buffet aus Apfelschnitzen und Vollkornkeksen parat. Was sie alle eint: Sie meinen es nur gut, wollen nur das Beste für ihr Kind.


Erziehung heute, das bedeutet nicht zuletzt: Es gibt kein festes Regelwerk (mehr), an dem sich Eltern orientieren können. Stattdessen verlassen wir uns auf unser Gefühl: stillen Babys nach Bedarf und nicht exakt nach 4 Stunden. Und gestehen einem 3-Jährigen selbstverständlich zu, nicht plötzlich sauber sein zu müssen, sondern die Windel noch zu tragen. Schliesslich ist alles irgendwie Verhandlungssache geworden. Aber gerade dies macht es auch so schwer, das richtige Mass zu finden: Wann muss ich meinem Kind helfen und wann überbehüte ich es?
«Unbewusst kennt man als Eltern oft den richtigen Weg, hat aber nicht die Energie oder die zeitlichen Ressourcen dafür», sagt Psychologe Bodenmann. «Es geht deshalb nicht nur um die Frage, zu wissen, wie man es richtig macht, sondern um die Kraft, dieses Wissen umzusetzen.»
«Im Prinzip ist es doch ganz einfach», findet jene Erzieherin mit 15-jähriger Arbeitserfahrung: «Man sollte nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig für sein Kind da sein.»


Weg aus der Vewöhnfalle

Triple P steht für die drei Ps von «Positive Parenting Programm», positives Erziehungsprogramm. Es wurde vor 15 Jahren in Australien entwickelt und ist inzwischen weltweit verbreitet. Für den Zürcher Psychologen Guy Bodenmann (siehe Artikel) ist das Programm eine Möglichkeit, wie Eltern ihren Erziehungsstil reflektieren können. Der von der WHO empfohlene Ansatz stützt sich dabei auf den aktuellen Wissensstand. Mithilfe von Triple P sollen etwa Selbstvertrauen, Selbstständigkeit und Verantwortungsgefühl von Kindern gefördert werden, sowie die Fähigkeiten, mit anderen zu kommunizieren. Eines der Grundprinzipien von Triple P ist dabei die Entwicklung realistischer und dem Entwicklungsstand des Kindes angemessener Erwartungen. ? Infos über Triple-P-Kurse in der Schweiz unter www.triplep.ch


Verwöhnfallen im Alltag

Was ist das richtige Mass an Zuwendung und Fürsorge? Beispiele aus dem Alltag mit Anti-Verwöhn-Tipps für jedes Alter.

Kleinkindalter: Ständig etwas Essbares im Mund.
Kaum der Brust oder der Schoppenflasche entwöhnt, trifft man Kleinkinder nur noch mit Reiswaffel, Bisquit oder Apfelschnitz zwischen den Zähnen an. Ohne Dauerversorgung verhungern die Kleinen scheinbar. Oder wird so einfach nur ihr Quengeln übertönt? Experten jedenfalls raten: Auch der kindliche Stoffwechsel sollte in Ruhe seiner Arbeit nachgehen können, ohne ständig Nachschub verarbeiten zu müssen. Zudem lernen Kinder sonst nicht, zwischen Hunger und satt sein zu unterscheiden.

Dreijähriges Kind: Fortbewegung im Kinderwagen.
Zugegeben, man kommt deutlich schneller voran, wenn der 3-Jährige im Kinderwagen sitzt. Aber ist das auch in seinem Interesse? Nicht umsonst beklagen Kindergärtnerinnen heute, dass 5-Jährige beim Spazierengehen schon nach wenigen Schritten die Puste ausgeht, weil sie das Laufen nicht gewohnt sind. Deshalb: Den Buggy einfach mal stehen lassen und üben! Am besten kleine, ablenkende Attraktionen auf dem Weg einbauen (Steine sammeln, Geschichten erfinden, alle roten Autos zählen), dann geht es leichter.

Kindergarten-/Vorschulalter: Anziehen nur mit Papas Hilfe.
Wo müssen beim Pulli die Arme reingesteckt werden? Wo ist bei der Unterhose hinten und vorne? Anziehen ist für Kinder eine anspruchsvolle Aufgabe. Und bei manchen Knacknüssen (Strumpfhose!) sind sie auch noch länger auf elterliche Unterstützung angewiesen. Ansonsten aber gilt: Im Vorschulalter können die Kleinen das Anziehen nach und nach lernen – sofern die Grossen sie machen lassen.

Primarschulalter: Streit mit Gleichaltrigen – Mama schlichtet.
Ein Schulkollege hat den Sohn beleidigt, die eben noch beste Freundin zieht über die Tochter her – und Mama greift instinktiv zum Telefon, um den Eltern der Übeltäter ihre Meinung zu sagen. Anstatt sich mit ihren Kindern zu besprechen, wie sie sich verhalten könnten, mischen sich verwöhnte Eltern in Streitigkeiten ihres Nachwuchses mit Gleichaltrigen ein, die diese auch gut hätten alleine lösen können.

Schulalter: Klavier üben macht keinen Spass? Sofort vom Unterricht abmelden.
Das Fussballtraining ist zu anstrengend, Klavier üben zu mühsam, Ballett zu langweilig. Dies mag womöglich alles zutreffen. Doch nur mit Durchhaltevermögen erfahren Kinder, dass es sich auszahlt, dran zu bleiben und sie – bestenfalls – mit sportlichem Erfolg oder Spass an der Musik belohnt werden. Bei Unlust deshalb noch ein paar Wochen abwarten und – falls die Motivation tatsächlich am Boden bleibt – erst dann den Unterricht kündigen.


Interview
«Verwöhneltern tun den Kindern keinen Gefallen»

Albert Wunsch über die schwierige Balance zwischen Nähe und Distanz

Albert Wunsch ist Sozialpädagoge, Psychologe und Erziehungswissenschaftler; er lehrt u. a. an der Katholischen Hochschule NRW in Köln und an der Uni Düsseldorf. Er arbeitet in eigener Praxis als Paar-, Erziehungs- und Konfliktberater.

wir eltern: Herr Wunsch, was ist das richtige Mass an Zuwendung und Förderung?
Albert Wunsch: Zuwendung orientiert sich am anderen: Benötigt ein Dreijähriges ein Taschentuch, genügt es, wenn die Mutter ihrem Kind dieses reicht – Nase putzen kann es selbst. Verwöhneltern hingegen stellen nur auf den ersten Blick die vermeintlichen Bedürfnisse des Kindes in den Mittelpunkt. Beim genauen Hinschauen aber offenbart sich, dass es ihnen um ihr eigenes Wohlbefinden geht: Sie scheuen Konflikte, wollen ihre Ruhe haben, sich beliebt machen oder sich nicht mit dem Eigensinn des Kindes auseinandersetzen. Gerade in Trennungs- und Scheidungsfamilien ist das Verwöhnen häufiges Phänomen: Bei Papa gibts etwas mehr Eis und Filme als bei Mama – dabei geht es nicht ums Kind, sondern um die Absicherung der eigenen Position.

Wie kommen Eltern aus der Verwöhnungsfalle?
Indem sie ihr Tun hinterfragen! Habe ich so gehandelt, weil es um das Kind oder um mich ging? Nehmen Eltern ihrem Nachwuchs alles ab, verhindern sie ihm die Chance auf Erfolgserlebnisse. So wie jener Junge, der im Kindergarten ein Muttertagsherz bastelt. Die Erzieherin schneidet das kantige Gebilde gerade, weil es ihrem ästhetischen Empfinden nicht entspricht. Die Mutter wiederum lobt: «Das hast du aber akkurat ausgeschnitten!» Und der Junge lernt: Ich muss einfach jemanden suchen, der es für mich glättet. Nur: 10 Jahre später im Beruf gibt es niemanden, der Situationen für ihn ausbügelt. Deshalb sollten Eltern ihr Verhalten in regelmässigen Abständen überprüfen und gegenseitig reflektieren. Alleinerziehende könnten dazu Rat bei Freunden holen und so das Fremdbild der eigenen Erziehung überprüfen: «Hast du den Eindruck, ich mache eher zu viel oder zu wenig?»

Verwöhnen alle Eltern zwangsläufig?
Ich gehe davon aus, ja. Im Säuglingsalter ist viel mehr Fürsorge für ein Kind notwendig als in späteren Jahren. Die Kunst ist es, zu erkennen, ab wann ein Kind etwas alleine kann. Im Grunde sollten Eltern bei jedem Geburtstag 1/18 ihrer Fürsorge runterfahren, um am 18. Geburtstag bei 0 angelangt zu sein. Das tun aber die wenigsten.

Ist die heutige Elterngeneration besonders anfällig fürs Verwöhnen?
Ja. Meine Grosseltern hatten zehn Kinder. Den Unfug, den man heute mit einem macht, ging damals schlichtweg nicht. Zudem ist ein Kind heute oft eine Art Projekt: Erst Studium, dann Job, dann Haus, dann Kind – in das alle Energie und Projektionen gesteckt werden. Vom chinesischen Aupair über Frühförderungskurse bis zur Rundum-Überwachung. Auch werden Eltern durch die Konsumgesellschaft geprägt, in welcher schneller Genuss und leicht gemachte Annehmlichkeiten als Selbstverständlichkeit gesehen werden.

Ist den Eltern heute der Kompass verloren gegangen?
In gewisser Weise schon. Mit der Leitparole «Erziehung ist Drangsal und Druck» steuerte die 68er-Generation ihren Teil dazu bei. Vieles, was selbstverständlich sein sollte, brach weg. Auch der Satz «Lernen muss Spass machen» stammt aus dieser
Zeit. Er ist so ziemlich die dümmste Aussage, die je zum Thema Schule gemacht wurde. Natürlich ist es schön, wenn Unterricht Freude bereitet, aber Spass steht hier nicht im Vordergrund. So werden bei Schülern lediglich nicht haltbare Entertainment-Erwartungen geschürt.

In Ihrem Buch sprechen Sie die Scheu vieler Eltern an, autoritär zu sein, weil sie es mit autoritärem Verhalten verwechseln.
Jede Entscheidung, die Menschen treffen, setzt voraus, dass sie Rückgrat haben. Wer als Eltern glaubt, von Kindern geliebt werden zu müssen, verfällt einem Trugschluss. Väter und Mütter sollten ihre Kinder ins Leben begleiten; für die Liebesbedürfnisse der Eltern hingegen sind deren Partner zuständig. Wenn ich als Alleinerziehender meinem Kind eigene Gefühle und Unsicherheiten mitteile – oft einem Partnerersatz gleich – ist das zwar verständlich, aber schädlich.

Woran erkenne ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin, mein Kind nicht zu verwöhnen?
Anders gesagt: Wenn ein Kind vieles nicht eigenständig kann und häufig Forderungen stellt, ist dies ein ziemlich klares Zeichen, dass etwas schief läuft. Genauso wenn situationsbezogene Sonderzuwendung – im Krankheitsfall etwa oder vor der Maturprüfung – später erneut eingefordert werden.


Buchtipp: «Die Verwöhnungsfalle. Für eine Erziehung zu mehr Eigenverantwortlichkeit», ist vor Kurzem in einer neu überarbeiteten Auflage erschienen und wurde weltweit rezipiert.