Familienlager oder Ehebett?

Wir Eltern 7+8/2013
Text: Kristina Reiss
Bild: Evan Sklar/Botanica


 

 

Früher oder später stossen alle Mütter und Väter auf die Frage, wo Familie anfängt und wo sie aufhören soll. Räumlich gesprochen: Gehören Kinder ins Ehebett?

 

In vielen Kulturen ist es die natürlichste Sache der Welt: Kinder in asiatischen oder südamerikanischen Ländern schlafen ganz selbstverständlich gemeinsam mit den Eltern – selbst wenn sie dem Säuglingsalter entwachsen sind. Auch hierzulande hatten bis Anfang des 20. Jahrhunderts viele Kinder kein eigenes Bett, und die Frage des Schlafortes kam überhaupt nicht auf. Erst mit zunehmendem Wohlstand sollte das Kind in seinem eigenen Bett und Zimmer schlafen lernen. Heute ist das sogenannte Co-Sleeping in industralisierten Gesellschaften wenig verbreitet. Und auch die Erwartungen sind anders: So neigen wir dazu, ein Kind, das nach dem ersten Lebensjahr nicht selbstständig ein- und durchschlafen kann, als schwierig zu bewerten. Andere Kulturen schätzen dieses Verhalten als völlig unproblematisch ein.


Generell entwickelt sich ein Kind in den ersten Lebensjahren enorm – auch in punkto Schlafverhalten. Die Schlaf- und Wachphasen werden immer regelmässiger, das Kind passt sich dem Tag-Nacht-Wechsel an. Es lernt, mehrere Stunden am Stück zu schlafen und zeigt zunehmend Autonomiebestrebungen, indem es selbstständig einschläft. Allerdings besteht auch hier eine grosse Vielfalt unter Kindern, viele meistern diese Entwicklungsschritte nicht problemlos. So zeigen 20 bis 30 Prozent der Kinder in den ersten Lebensjahren Schwierigkeiten beim Schlafen. Jedes 3. Kind stellt hier für Eltern zeitweise eine gewisse Belastung dar, wie Langzeitstudien des Zürcher Kinderspitals ergaben.


Was aber spricht für oder gegen ein Familienbett? Die Forschung ist sich nicht einig: So wird einerseits davon abgeraten, einen Säugling im elterlichen Bett schlafen zu lassen, weil Studien zeigen, dass dies den plötzlichen Kindstod fördere. Andere Forschungsergebnisse hingegen ergaben, dass das gemeinsame Schlafen von Mutter und Kind sogar einen Schutz davor bietet.
Wer wiederum Eltern von Kleinkindern zum Thema befragt, merkt vorab eines: Schlafen ist ein Reizthema, so wie andere Erziehungsthemen auch. Einen Säugling im Elternschlafzimmer zu behalten, bis er abgestillt ist, darüber herrscht hierzulande noch weitgehend Konsens. Doch bei älteren Kindern scheiden sich die Geister – und zwar radikal.
Familienbettanhänger etwa berufen sich vor allem auf die Urvölker, die das Co-Sleeping mit grösster Selbstverständlichkeit praktizierten. «Es ist einfach normal, dass Kinder nachts den Schutz der Eltern suchen», argumentieren sie. «Kein anderes Lebewesen ausser dem Menschen zwingt seine Jungen, woanders zu nächtigen.»

Dem Sexleben zuliebe

Die Gegner führen meist das Paar ins Feld, das Eltern auch noch bleiben sollten. Oft heisst es dann, dass man den Kindern nicht den letzten Ort auch noch abtreten wolle, der dem Paar in der Familie noch bleibt. Dem Sexleben zuliebe – ja für das Wohl der ganzen Familie, argumentieren die Gegner, würden die Kinder an ihre eigenen Betten gewöhnt. Oder konkret: «Den ganzen Tag bin ich für die Kinder da», sagt eine Mutter, «doch nach Feierabend will ich Zeit mit meinem Partner verbringen. Das Bett ist dann oft der einzige Treffpunkt – zum Kuscheln, Reden oder Sex haben. Kinder sind glücklich, wenn es ihre Eltern auch sind.» Die Familienbett-Praktizierende hält entgegen: «Sex ist bei uns eher spannender geworden, seit unser Schlafzimmer wegen der Kinder dafür ausscheidet. Ich finde dieses sich Abgrenzen und ein Paar sein wollen ignorant und egoistisch.»
Geht es bei den Spielformen in Sachen Schlaf vielleicht gar nicht um die Kinder, sondern vielmehr um die Bedürfnisse der Eltern? Oskar Jenni ist Leiter der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich und hat ausgiebig über den Schlaf bei Kindern geforscht. Spielarten des Familienbettes kennt er viele.

Variante 1: Familiäres Matratzenlager
«Die klassische Variante – Eltern und Kinder teilen sich einvernehmlich ein Bett – gibt es in unserer westlichen Kultur nicht oft», sagt er, «zumindest ist diese meist nicht aktiv gewählt.» Stattdessen sei das gemeinsame Schlafen häufig eine Reaktion auf Schlafprobleme: Eltern wollen von sich aus kein Familienbett, lassen es aber zu, weil der Nachwuchs sonst nicht gut schläft.
Als wirklich positiv empfänden seinen Erfahrungen nach das Familienbett nur diejenigen Eltern, die es auch freiwillig wählen. Wer sich vom Nachwuchs zum gemeinsamen Nächtigen gezwungen fühle, schlafe alleine besser. In diesen Fällen empfehle er, davon wegzukommen.
Im Übrigen aber zeigten Studien, dass das frei gewählte Familienbett – entgegen landläufiger Meinung – keine negativen Auswirkungen auf die kognitive oder emotionale Entwicklung der Kinder habe. Anders verhalte sich dies, wenn das gemeinsame Schlafen durch äussere Umstände, wie etwa Armut der Familie, erzwungen werde.

Variante 2: Mutter schläft mit dem Kind
Zu einer weiteren Spielart des Familienbettes gehört die Variante: Nur Mutter und Kinder teilen sich das Bett; der Vater wiederum hat die Waffen gestreckt und ist aus dem gemeinsamen Schlafzimmer ausgezogen. Der Experte würde bei dieser Form des Schlafens jeweils nachfragen, «was die Familie für ein Problem hat und wie es um die Paarbeziehung bestellt ist».

Variante 3: Teilzeit-Familienbett
Viel häufiger als das geplante Zusammenschlafen ist jedoch das unangemeldete, sporadische Familienbett. Man könnte dies auch «Teilzeit-Familienbett» nennen: Die Kinder schlafen in ihrem Zimmer ein, wandern aber sporadisch mitten in der Nacht ins Elternbett. Mutter und Vater sind darüber zwar nicht begeistert, tolerieren es aber, um nächtlichen Auseinandersetzungen zu entgehen. Eine weitere häufige Spielform: Das Kind schläft im Elternbett ein, wird anschliessend jedoch ins eigene Zimmer getragen.
«Beides sind reaktive Formen des Familienbettes», sagt Jenni, «sie sind nicht frei gewählt, sondern lediglich als Reaktion auf Schlafproblematiken zu sehen. Beide Male werden Eltern zum Einschlafen gebraucht; sobald die Kleinen erwachen, wollen sie wieder zu Mama und Papa.
Tatsächlich schlüpfen fast die Hälfte aller zwei- bis siebenjährigen Schweizer Kinder mindestens einmal pro Woche ins Elternbett, wie Studien des Kinderspitals Zürich zeigen. Mit schlechter Erziehung haben die nächtlichen Wanderungen nichts zu tun, sagt Jenni. Oft seien die Kinder in ihrer Autonomieentwicklung einfach noch nicht so weit und würden nachts von Verlassenheitsgefühlen geplagt. Zudem sei die Fantasie von Kleinkindern so bildhaft, dass sie im Dunkeln häufig Angst bekämen. Das Familienbett ist dabei meist keine statische Schlafform, sondern eine dynamische, die oft auch in Phasen auftritt und mal mehr, mal weniger ausgeprägt sein kann.


Das familiäre Schlafen, so sehr es kulturell geprägt und gesellschaftlich ideologisiert wird, ist letztlich abhängig von den individuellen Gegebenheiten und Bedürfnissen der Familien. Schlafexperte Jenni findet: «Gut oder schlecht gibt es in diesem Zusammenhang nicht.» Das Wichtigste sei, dass die Schlafsituation für die ganze Familie stimme. Jennis vier Söhne schliefen zumindest als Säuglinge alle im Familienbett – «das hat sich einfach so ergeben». Eine Empfehlung möchte er aber nicht geben, «das würde Eltern nur verunsichern».


Tipps fürs Familienbett:

  • Keine weiche Unterlage: Das gemeinsame Bett muss fürs Baby sicher sein. Am besten die Matratze auf den Boden legen. Das Baby darf keinesfalls auf einer weichen Unterlage, etwa im Wasserbett oder auf dem Sofa, schlafen.
  • Bettgitter: Bettgestell mit einem Bettgitter sichern, damit das Baby nicht herauskullern kann. Darauf achten, dass zwischen Matratze und Kopf-/Fussteil keine Lücke klafft.
  • Neben Mama: Säuglinge sollten zwischen Mutter und Wand bzw. dem Schutzgitter liegen.
  • Kein Alkohol: Das Baby nicht mit ins Bett nehmen, wenn man Alkohol getrunken oder einen sehr tiefen Schlaf hat.


So quartieren Sie Kinder wieder aus

Ist nur das Kind am Familienbett interessiert, die Eltern aber nicht, rät Oskar Jenni, Leiter der Abteilung Entwicklungspädiatrie am KiSpi Zürich, davon wegzukommen. Ziel sei es, eine für alle Familienmitglieder gute Schlafform zu finden. Wie aber quartiert man sein Kind aus dem Ehebett wieder aus? «Man kann versuchen, zunächst eine Matratze für das Kind neben das Elternbett zu legen», so Jenni. Akzeptiert dies das Kind, zieht ein Elternteil mit dem Nachwuchs für einige Zeit ins Kinderzimmer – bis das Kind dort alleine schläft. Wie gut es die veränderte Schlafsituation toleriert, hänge in erster Linie von seiner Autonomieentwicklung ab. «Ist es noch stark an die Eltern gebunden, könnte es schwer werden», so Jenni. «Vielleicht braucht es nachts auch die elterliche Nähe, weil es diese tagsüber nicht bekommt.» Generell sollte man behutsam versuchen, die Schlafsituation zu ändern. Bleibt diese jedoch problematisch, empfiehlt es sich, den Kinderarzt beizuziehen.